|
Jungsteinzeit,
Neolithikum, ursprünglich in einem verfeinerten `Dreiperiodensystem
der letzte Abschnitt der Steinzeit, in dem geschliffenes Steingerät
u. auch Keramik auftreten. Seit den Arbeiten des brit. Prähistorikers
G. Childe wird als maßgebliches Kennzeichen dieser Epoche der
Beginn von Ackerbau u. Tierhaltung angesehen, womit die J. durch
den Übergang von der aneignenden (Altsteinzeit) zur produzierenden
Wirtschaftsweise charakterisiert ist. Die jüngste Forschung
geht sogar noch einen Schritt weiter, indem erst dann von einem
Neolithikum gesprochen wird, wenn die Gesellschaftsform einer
Menschengruppe von der produzierenden Wirtschaftsweise abhängt,
wie es sich archäolog. z. B. in der dörfl. Siedlungsstruktur
niederschlägt. Childe prägte für die Einführung der produzierenden
Wirtschaftsform den Begriff "neolithic revolution" [engl., "neolithische
Umwälzung"] in Anlehnung an die "industrielle Revolution". Die
J. nimmt sowohl in den einzelnen Erdteilen als auch innerhalb
Europas sehr verschiedene Zeiträume ein. Daher ist der heute
in den meisten Ländern übliche Begriff "Neolithikum" [grch.
neos, "neu", u. lithos, "Stein"] vorzuziehen, da er keinen Zeitbegriff
enthält; denn zur gleichen Zeit können Jäger-Sammler-Kulturen
neben den bäuerlichen Kulturen der J. bestehen, wie z. B. noch
heute die Kulturen der Eskimos oder der austral. Eingeborenen
im Gegensatz zu unserer eigenen Kultur. Das Neolithikum läßt
sich in einzelne Entwicklungsstufen unterteilen, die jedoch
nicht überall auf der Erde durchlaufen werden müssen. Man unterscheidet
ein Protoneolithikum, das durch Ernte- u. Bodenbau-Kultur sowie
durch den Nachweis von Vorratshaltung als Grundlage für die
Seßhaftigkeit charakterisiert ist, ein akeramisches Neolithikum,
das (i. e. S.) durch Ackerbau u. Tierhaltung, daneben durch
komplexe, auf dörfliche Organisation hinweisende Architektur
charakterisiert ist, ein keramisches Neolithikum, bei dem zum
letztgenannten die Töpferei hinzukommt u. mit dem die J. in
Mitteleuropa einsetzt, u. schließlich ein Chalkolithikum (`Kupferzeit).
Im Vorderen Orient wird das akeramische Neolithikum in zwei
Phasen unterteilt: Pre Pottery Neolithic A u. Pre Pottery Neolithic
B [engl., "vorkeramisches Neolithikum", Abk. P. P. N. A u. P.
P. N. B]. Das P. P. N. A zeichnet sich u. a. durch Rundhäuser,
das P. P. N. B durch mehrräumige Viereckhäuser aus. Bislang
meinte man, daß der Übergang von der aneignenden zur produzierenden
Wirtschaftsweise am Beginn des Holozäns stattfand, d. h. nach
dem Ende der letzten Eiszeit (zwischen 10000 u. 5000 v. Chr.).
An verschiedenen Stellen der Erde wurden in dieser Zeit unterschiedl.
Pflanzen u. Tiere domestiziert, u. es bildeten sich sehr verschiedene
kulturelle Entwicklungen heraus. Sensationell sind jedoch die
jüngsten Funde von Getreideanbau im oberen Niltal, bes. in Wadi
Kubbaniya, die durch Daten nach der C-14-Methode in eine Zeit
zwischen etwa 16000 u. 10000 v. Chr. fallen. Es wäre damit der
älteste nachgewiesene Ackerbau überhaupt, jedoch bleibt abzuwarten,
ob sich mit moderneren Datierungsmethoden dieses ungewöhnl.
hohe Alter der Funde bestätigen läßt. Die damalige Bevölkerung
soll nicht seßhaft gewesen sein. In späterer Zeit wurde der
Getreideanbau im Niltal wieder aufgegeben. Vom Vorderen Orient
sind Daten dieses Alters bisher nicht bekannt. Dort wurde jedoch
am besten die Entstehung des eigentl. Neolithikums im Gebiet
des sog. fruchtbaren Halbmonds zwischen Israel u. dem westl.
Iran untersucht, wo auch die Wildformen von Gerste u. Weizen
vorkommen. Es gibt zwei wilde Weizenarten, das Einkorn u. den
ergiebigeren Emmer, dessen Hauptverbreitungsgebiet in der Levante,
dem mittelmeernahen Gebiet des fruchtbaren Halbmonds, liegt.
Dort lieferte eine Steinpickindustrie aus dem 11. Jahrtausend
v. Chr., das Kebarien, einen deutlichen Hinweis auf Ernten dieser
Wildgetreide, genauso im Zagrosgebirge das sog. Zarzien. Der
Ertragreichtum dieser Ernten dürfte zur Herausbildung eines
Protoneolithikums geführt haben, das im 10. Jahrtausend v. Chr.
in der Levante in Form des Natufien auftritt. Den Übergang zum
Neolithikum i. e. S. kann man sehr gut in Jericho verfolgen,
wo eine Entwicklung vom Jäger- u. Sammler-Camp (sog. Camp-Phase)
bis zu einem mit einer 3 m dicken Mauer umgebenen Dorf beobachtet
werden kann, in dem um 8300 v. Chr. Getreidekultivierung belegt
ist. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurden Häuser u. ganze
Siedlungen zuweilen zerstört u. neu errichtet, möglicherweise
auch von neuen Siedlern bevölkert, so daß sich schließlich ein
Siedlungshügel herausbildete. Diese Siedlungshügel (im Vorderen
Orient Tell oder Tall, in der Türkei Hüyük u. in Griechenland
Magula genannt) bilden die typische Siedlungsplatzform von der
J. bis in die Bronzezeit (teilweise auch länger) im Gebiet des
Vorderen Orient bis auf den Balkan. Für das Zagrosgebirge konnte
gezeigt werden, daß die Siedlungen des Proto- u. akeramischen
Neolithikums in einem Gebiet liegen, in dem mit einer nur geringfügig
höheren Niederschlagserwartung als heute Regenfeldbau möglich
war. Etwa um die Mitte des 8. Jahrtausends v. Chr. setzte dort
fast schlagartig die dörfl. Besiedlung ein. Erst im 6. Jahrtausend
v. Chr. wurde das südlichere Gebiet Mesopotamiens von Neolithikern
besiedelt. Mit dem akeramischen Neolithikum setzte auch im fruchtbaren
Halbmond die Domestikation von Schaf u. Ziege ein. Die bäuerliche
Lebensform verbreitete sich vom Vorderen Orient rasch in die
verschiedenen Himmelsrichtungen aus. So scheinen das Indusgebiet
u. auch Nordägypten davon beeinflußt worden zu sein, wo schon
im 3. Jahrtausend v. Chr. gewaltige Hochkulturen bestanden.
Vor allem aber wurde die neolith. Lebensform u. damit auch der
Getreideanbau, die Domestikation von Schaf u. Ziege u. auch
gewisse Kultformen, wie sog. Idolfigürchen (meist sitzende,
sehr breitbeckige Frauen) andeuten, nach Europa übertragen.
Das geschah auf zwei Wegen: 1. über die Türkei (z. B. Çatal
Hüyük, Hacilar), Griechenland (z. B. Argissa Magula, Sesklo,
Dimini) u. den Balkan (z. B. Karanowo in Bulgarien), wo sich
schließlich die Star-evo-Körös-Kultur ausbildete u. über das
Donaugebiet, aus dem sich im 5. Jahrtausend v. Chr. die Bauern
der Bandkeramik nach Mitteleuropa bis ins Pariser Becken u.
Polen ausbreiteten. Dabei wird es zuweilen harte Auseinandersetzungen
mit der einheimischen mesolithischen Bevölkerung gegeben haben,
wie u. a. die Jungfernhöhle bei Tiefenellern andeutet. In den
nördlicheren Küstenzonen übernahmen die Jäger, Fischer u. Sammler
einzelne Anregungen des Neolithikums, wie z. B. die Keramikherstellung
u. vereinzelt Ackerbau, woraus einerseits die Ertebölle-Ellerbeck-Kultur
sowie andererseits in Finnland, im Baltikum u. in Nordwestrußland
die Kamm- u. grübchenkeramischen Kulturen hervorgingen. 2. wahrscheinlich
auf dem Seeweg erhielt Südwesteuropa die Kenntnis des Neolithikums.
Schon im 6. Jahrtausend v. Chr. wurde Zypern durch ein akeramisches
Neolithikum besiedelt (Khirokitia). Der westliche Mittelmeerraum
wurde aber wie Mitteleuropa erst durch ein keramisches Neolithikum
erreicht, jedoch gibt es im SW (Italien, Südfrankreich, Spanien,
Portugal, Nordafrika u. den Mittelmeerinseln) die neolith. Kulturen
mit Abdruckkeramik (Impressokeramik). Sie zeigen kein sehr einheitliches
Bild, was einige Forscher neuerdings veranlaßte, eine bodenständige
Entstehung des Neolithikums in den einzelnen Gebieten anzunehmen,
doch müssen auch hier die Getreidearten u. auch Schaf u. Ziege
eingeführt worden sein. Die Stationen der Abdruckkeramik findet
man oft in Höhen u. bis auf Ausnahmen nicht sehr weit im Landesinnern.
In Nordafrika entstand das Neolithikum mit Capsientradition
(`Capsien), das durch spitzbodige Keramikgefäße u. ritzverzierte
Straußeneier, die vielleicht auch als Gefäße genutzt wurden,
charakterisiert wird. Entgegen einer früher allgemein akzeptierten
diffusionistischen Theorie (`Diffusion), die den Ursprung des
gesamten Neolithikums nur im fruchtbaren Halbmond sah, lassen
die archäolog. Funde der letzten zehn Jahre für einzelne Gebiete
der Erde eine eigenständige Entstehung der produzierenden Wirtschaftsweise
annehmen, wobei die vielen, nach der C-14-Methode errechneten
Daten seit den 1960er Jahren eine sehr wichtige Forschungsgrundlage
liefern. So deuten die Funde der südl. Sahara (Ahaggar, Amekni,
Gabrong) u. die vielen dort entdeckten Felsbilder u. Steinhaufen,
die von alten Feuerstellen stammen, auf eine eigenständige Entstehung
einer Rinderhirtenkultur hin, die auch schon sehr früh (um 6000
v. Chr.) Keramik kannte (Wavy-line-Keramik). Anthropolog. Untersuchungen
der Skelette u. auch die Felsbilder lassen an eine schwarze
Bevölkerung denken. In Arlit (Niger) finden seit 1965 Grabungen
an der größten neolith. Fundstelle Westafrikas statt, ein Friedhof
mit bisher um die 50 Skelette, deren tiefer gelegene Gräber
auf rd. 3400 v. Chr. datiert werden. Der bedeutendste neuere
Fundort ist Nabta Playa in Oberägypten, wo Tierknochen von domestizierten
Rindern, Schafen u. Ziegen u. schon für rd. 6000 v. Chr. ein
früher Ackerbau nachgewiesen werden konnten. Für dieselbe Zeit
sind dagegen im Niltal u. Maghreb nur rein epipaläolith. Fundstellen
(`Epipaläolithikum) bekannt. Zwei weitere Entstehungszentren
der produzierenden Wirtschaftsweise mögen in Ostasien gelegen
haben. Eines lag im S, wo im Bereich der Hoabinh- u. der Da-pen-keng-Kultur
ein frühes Pflanzertum, z. B. von Yamswurzeln, angenommen wird.
Jedoch gibt es dafür bisher nur indirekte Anzeichen wie z. B.
Schnureindrücke auf der Keramik. Diese tritt in Ostasien erstaunlich
früh auf. Die bisher älteste Keramik der Welt wird auf rd. 10000
v. Chr. datiert u. stammt aus der Fukui-Höhle in N-Kyuschu (Japan).
Sie wurde mit Finger- u. -nagelabdrücken verziert. Allerdings
finden sich noch keine Anzeichen für ein Neolithikum, was also
auf ein keramikführendes Mesolithikum hindeutet. Im nördlicheren
China wird das früheste Neolithikum durch die Yangshao-Kultur
des 5. Jahrtausends v. Chr. verkörpert, die vor allem im Gebiet
zwischen den u. einschließl. der heutigen Provinzen Gansu u.
Henan verbreitet war. Sie scheint die Hinterlassenschaft eines
Wanderbauerntums gewesen zu sein, das vor allem durch Brandrodung
die Waldgebiete urbar machte u. bes. kultivierte Hirse anbaute.
Daneben wurde Wildgetreide geerntet, auch gibt es Funde von
Gemüseresten, Hanf u. Seidenraupen. Neben Jagd u. Fischfang
überwiegen unter den domestizierten Tieren Hunde u. Schweine,
daneben kommen auch Knochen von Rind, Schaf u. Ziege vor. Leider
fehlen hier noch genauere Datierungen, um die Frage einer vom
Vorderen Orient völlig unbeeinflußten Entwicklung zweifelsfrei
bejahen zu können. Die sumpfigeren Küstenregionen im Bereich
der Chang-Jiang-Mündung wurden auch schon im 5. Jahrtausend
v. Chr. von der sog. Qingliangang-Kultur besiedelt. Sie scheint
jedoch durch Einflüsse aus dem S (Da-pen-keng-Kultur) u. N (Yangshao-Kultur)
entstanden zu sein, wie neben der Keramik u. a. der vorwiegende
Hirseanbau im Nordteil u. der Reisanbau im Südteil andeuten.
Bes. interessant sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse
der Grabungen in Ho-mu-tu. Über die Entwicklung der J. in Asien
liegt allerdings noch vieles im dunkeln. So weiß man z. B. kaum
etwas über die Vorläufer der Induskultur. Erst Grabungen der
1970er Jahre an dem Fundplatz Mehrgarh in Pakistan haben eine
kontinuierliche Entwicklung vom etwa 6. Jahrtausend v. Chr.
an mit frühem Ackerbau u. Tierhaltung (bes. Rind) ergeben. Am
sichersten kann die vom Vorderen Orient unabhängige Entstehung
eines Neolithikums in Mittelamerika nachgewiesen werden, wo
ganz andere Pflanzen (vor allem Mais u. Bohne, dann Tomate,
Avocado, Chili, Baumwolle u. a. mehr) kultiviert wurden. Unter
den wenigen domestizierten Tierarten finden sich Ente, stachellose
Biene u. Truthahn, in den Anden war das Lama das hauptsächl.
Haustier. Durch die neue Wirtschaftsform u. die Seßhaftigkeit
konnten sich in der J. differenziertere Gesellschaftsordnungen
u. durch Spezialisierung erste Berufe wie möglicherweise Töpfer,
Schreiner, Steinbearbeiter u. Händler herausbilden. Im Zusammenhang
mit Landausbau u. Bevölkerungszunahme machten sich im Mittel-
u. Spätneolithikum zunehmend regionale Sonderentwicklungen geltend,
die zur Ausbildung weiterer Kulturgruppen führten: in Frankreich
die Chassey-Kultur, in Großbritannien die Windmill-Hill-Kultur,
in Norddeutschland u. Dänemark die Trichterbecher-Kultur, in
der Ukraine die eng mit der Cucuteni-Kultur Rumäniens verbundene
Tripolje-Kultur. In Mitteleuropa folgten auf dem Boden der Bandkeramik
eine Vielzahl von Kulturgruppen, vor allem im W die Rössener
u. etwas später die Michelsberger Kultur, im O die Lengyel-Kultur.
Am Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. kam in Westeuropa die Bestattungssitte
im Megalithgrab (meist Kollektivbestattungen) auf, die sich
wohl zunächst entlang der Küsten bis nach Südskandinavien u.
auf die brit. Inseln ausbreitete, entlang des Rheins u. der
Rhône auch bis in die Schweiz, während sie in den östl. Gebieten
fehlt. Man sprach sogar von einer "megalith. Kolonisation".
Da die Megalithbauten aber mit keiner einheitl. archäolog. Kultur
verbunden sind, scheint es sich, wenn überhaupt, um eine religiöse
Bewegung gehandelt zu haben. Gegen Ende des 3. Jahrtausends
wird in Europa in zunehmendem Maße mit Metallen wie Kupfer,
Blei, Silber u. Gold (`Kupferzeit) experimentiert; man spricht
von einem Chalkolithikum. In Zusammenhang damit treten die Erscheinungen
der Glockenbecher-Kultur u. Schnurkeramik auf, die von einigen
Forschern mit großen Wanderbewegungen in Verbindung gebracht
werden, möglicherweise aber auch mit sozialen Sonderstellungen
zusammenhängen. Im N entstehen die mit der Schnurkeramik in
Verbindung stehenden, Metall ablehnenden Einzelgrab-Kulturen.
Mit dem Chalkolithikum endet die J. in Europa u. geht im 2.
Jahrtausend v. Chr. in die sog. `Bronzezeit über.
|